Ruhe vor dem Sturm

Automobilzulieferer stehen vor schweren Zeiten

Auch wenn die deutsche Automobilindustrie auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblicken kann, steht sie vor einer bisher nie dagewesenen Transformation. Diese Transformation betrifft nicht nur die Umstellung von Verbrennungsmotoren auf E-Mobilität. Mit ihr einher geht eine Umstrukturierung der gesamten Automobilbranche und ihrer Zulieferer eines bisher nie dagewesenen Ausmaßes. In Zukunft, so schätzt man laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2018, wird jeder dritte Arbeitnehmer der Automobilwirtschaft einen anderen Job machen. Auch die Zulieferindustrie wird darunter massiv leiden: Es droht eine Marktbereinigung von bis zu 30 Prozent. Die Frage, wessen Unternehmen am Ende der Transformationsphase noch Bestand haben wird, entscheidet sich jetzt.

Gute Markt- und Ausgangssituation

Zwar können die großen deutschen Automobilzulieferer im Ranking momentan weltweit ihre Position unter den Top 5 ausbauen: Hier liegen Bosch, Continental und ZF Friedrichshafen ganz vorn. Ihre Umsätze haben sich im Vergleich zum Vorjahr positiv entwickelt und auch die Umsätze der 18 deutschen Zulieferer, die unter den Top 100 ebenfalls gelistet sind. Auch bei einem Blick auf den deutschen Markt der Zulieferindustrie zeichnet sich die Umsatzentwicklung ähnlich positiv ab. Doch Unternehmer sollten sich nicht in Sicherheit wiegen. Denn es sind vor allem die umsatzstärkeren Unternehmen, die Zuwächse verzeichnen. Sie haben ausreichend Mittel zur Verfügung, um Gelder in Forschung und Ausbau neuer Geschäftsbereiche zu investieren. Hinzukommt, dass momentan die deutsche Automobilzulieferindustrie an der Nachfrage von Dieselnutzfahrzeugen aus China hängt. Bricht diese weg, wird sich der Dieselmotoranteil weiter reduzieren. Allein bei Bosch hängen 50.000 bis 60.000 Jobs von den Dieselmotoren ab. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen werden den anstehenden Herausforderungen nicht gewachsen sein.

Branchentrends, die Unternehmer zum Umdenken zwingen

In unserer Praxis begegnen wir immer wieder Unternehmern, denen die Tragweite des Umbruchs nicht klar ist. Hierzu sollte man sich vier Metatrends vergegenwärtigen: Zukünftig sind es erstens die Nachhaltigkeit, die die Menschen zu einem umweltbewussteren Fahrverhalten antreibt, zweitens die Urbanisierung, die die Menschen in den Ballungszentren der Stadt durch wenig Platz auf andere Methoden der Fortbewegung zurückgreifen lässt und drittens die Individualisierung, die eine immer flexiblere Verfügbarkeit von Automobilnutzung erwartet. Als vierter Metatrend beeinflusst die Digitalisierung nicht nur die Fahrzeugproduktion, sondern wird unser gesamtes Verhalten verändern. Stichworte sind hier das autonome Fahren und die exakte Vernetzung zwischen Angebot und Nachfrage, was wiederum eine bisher nie dagewesene Mobilität ermöglichen wird. Das Problem ist: Die Unternehmen von heute sind auf diese neuen Entwicklungen nicht eingestellt. Deshalb fordert die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer Studie von Unternehmern den Umbau von Konzernstrukturen und eine „Einsicht in die unbedingte Transformationsnotwendigkeit der Branche“. Bisher wirken sich die Trends noch nicht in voller Schlagkraft auf die Automobilzulieferer aus. Aber dies kann sich schon bald ändern.

Elektromotor wird beherrschende Technologie

Heutige Organisationsstrukturen und Produktportfolios sind auf die Fertigung und den Absatz von Verbrennungsmotoren ausgerichtet. Eine Folge der vier Metatrends ist, dass sich die großen Zulieferer in Abhängigkeit von den Herstellern auf E-Mobilität einstellen werden. Es bedeutet langfristig das Aus für den Verbrennungsmotor. E-Motoren liegt eine weniger komplexe Herstellungstechnologie zugrunde als Verbrennungsmotoren. Dieser Wandel wirkt sich nicht nur auf die Standorte aus, die Bestandteile für Verbrennungsmotoren und Getriebe fertigen. Ein Achtzylindermotor hat 1.200 Teile, die montiert werden müssen, ein Elektromotor nur 17 Teile. Hinzu kommt, dass nicht einmal klar ist, welche Form der unterschiedlichen Antriebstechnologien sich durchsetzen wird: der reine Elektroantrieb, der Brennstoffzellenantrieb oder der Hybridantrieb? Die Vielfalt der Möglichkeiten zeugt von der Unsicherheit, die schon jetzt in der Automobilbranche herrscht. Solange niemand weiß, wohin die Reise geht, möchten die Hersteller auf alles vorbereitet sein.

Sicher ist allerdings, dass es zu großen Umwälzungen kommen wird, die auch die zuliefernden Unternehmer zum Umdenken zwingen werden. Aufgrund der starken Arbeitsteilung der deutschen Automobilindustrie finden rund 70 Prozent der Wertschöpfung bei den mittelständischen Zulieferern statt. Das Problem dabei ist, dass sich 57 der Top 100 deutschen Automobilzulieferer auf eine Produktgruppe spezialisiert haben, weitere 30 Zulieferunternehmen fertigen nur zwei Produktsegmente. Die Spezialisierung auf ein bestimmtes Produkt in Kombination mit der Abhängigkeit von den Herstellern könnte den Zulieferern schon bald zum Verhängnis werden. Sie erfordert von den Unternehmern ein vollständiges Umdenken, wenn es sich dabei um eine Produktgruppe handelt, die beispielsweise für den E-Motor nicht mehr gebraucht wird. Diesen Zulieferern geht ihr Produkt verloren.

Um wieder zukunftsfähig zu werden, fordert schon eine 2016 in Auftrag gegebene Studie „Diversifizierungsstrategien“. Viele mittelständische Unternehmen befinden sich in einem Umsetzungsstau. Uns als Beratern begegnet es jeden Tag wieder, dass gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen vor der Herausforderung stehen, die neu auf sie zukommenden Aufgaben zu finanzieren. Anders als bei den großen Konzernen ist die Ergebnissituation der kleineren Unternehmen wegen des hohen Wettbewerbsdrucks ohnehin schon angespannt. Es erfordert höchste Anstrengung, die Existenz der Unternehmen zu sichern und profitabel zu arbeiten. Fakt ist, dass die bisher etablierten Organisationskulturen eine Reaktion auf den sich bewegenden Markt verhindern. Die Unternehmensstrategie muss auf die zukünftige Herausforderung ausgerichtet werden. Dies verlangt von den Unternehmensführern die Bereitschaft zur Neuausrichtung der Produktsegmente und die Bereitschaft zum Organisationsumbau.

Fazit: Was können die Unternehmer jetzt tun?

Der Umbruch der Automobilindustrie hat schon begonnen. Der Ausgang und die Tragweite der Transformation ist nicht vorhersehbar. Um ihre Unternehmen strategisch und zukunftsfähig auszubauen, brauchen Leader einen strategischen Weitblick und visionäres Verständnis. Sie brauchen die Bereitschaft, die Unternehmen, die sie führen, neu auszurichten und den Unternehmenszweck an der Transformation auszurichten. Sie müssen sich vernetzen, ihre Produktsegmente diversifizieren, überdenken und infrage stellen. Kleine und mittelständische Zulieferer müssen sich darauf einstellen, dass ihre Produkte schon bald nicht mehr gebraucht werden. Jetzt ist die richtige Zeit, um Entscheidungen zu treffen und um die Unternehmen in die richtige Richtung zu steuern.

Photo by Tom Arrowsmith

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