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1 oder 0 – Digitalisierung, aber wie?

Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde. Egal, ob in Koalitionsverhandlungen in der Politik, Aufsichtsratssitzungen von Konzernen oder Führungsmeetings im Mittelstand. Der Begriff der Digitalisierung wird hierbei jedoch immer anders definiert und nur selten ganzheitlich. Digitalisierung ist mehr als eine Krise oder ein Change-Prozess – sie ist eine Revolution.

Digitalisierung ist das Thema, das uns die nächsten 15 bis 20 Jahre beschäftigen wird. Die Innovationsgeschwindigkeit wird höher, Geschäftsmodelle ändern sich oder werden gar obsolet – neue Chancen entstehen und öffnen neuen Unternehmern neue Perspektiven. Die Digitalisierung wird zur größten Herausforderung an das Management. Manager werden gefordert, manche überfordert sein. Selbst bislang erfolgreiche Führungskräfte scheitern an zu später Einsicht oder fehlender Erfahrung, an Plan- und Mutlosigkeit oder am eigenen Ego. Also brauchen wir eine Struktur, wie man über die Digitalisierung nachdenkt, einen Plan, wie man diese Herausforderung bewältigt, und natürlich die richtige Führung und ein qualifiziertes und motiviertes Team.

Folgende Fragestellungen wollen wir in diesem Beitrag behandeln:

Was ist Digitalisierung eigentlich genau?
Welche Branche wird in welcher Dynamik davon betroffen sein? 
Wie können Kunden das Thema Digitalisierung strukturiert bearbeiten? 

Was ist Digitalisierung eigentlich genau?
Alle reden von der Digitalisierung. Politik, CEOs großer Unternehmen, Inhaber mittelständischer Unternehmen und natürlich auch viele Berater. Ferner wird über die Digitalisierung in diversen Fachzeitschriften berichtet und es werden unzählige Veranstaltungen dazu angeboten. Der Begriff der Digitalisierung wird hierbei immer anders definiert, aber selten ganzheitlich. Digitalisierung ist mehr als eine Krise oder ein Change-Prozess – sie ist eine Revolution. Viele Branchen werden erhebliche Umbrüche erleben, aktuelle wirtschaftliche Spielregeln werden binnen weniger Jahre ihre Gültigkeit verlieren und ganze Geschäftsmodelle werden revolutioniert. Die Digitalisierung bietet dabei aber auch für jedes Unternehmen große Chancen. Sie müssen jedoch aktiv angegangen werden. Kurzum: Wer heute keine Strategie hat, hat morgen kein Unternehmen mehr.

Der Kern der Digitalisierung
Die Digitalisierung basiert auf einem Nucleus mit drei Layern. Dieser Nucleus ist die Plattform, auf der neue Geschäftsmodelle entwickelt, Innovationen generiert, Prozesse effizienter werden oder Wachstum generiert wird. Unternehmen, die diese Plattform nicht solide aufgebaut haben, werden von den Chancen der Digitalisierung nicht profitieren können.

Layer 1: Daten und Technologie
Die Basis jeder Digitalisierung sind relevante und qualitativ hochwertige Daten. Daten sind das Öl des digitalen Zeitalters. Neben internen Datenquellen wie Vertrieb und Fertigung, gibt es mittlerweile umfangreiche öffentliche Datenquellen, die mit internen Daten korreliert werden können. Seit Beginn der Zeitrechnung wurden Daten auf Steinen, Papyrus, in Büchern, später auf Videokassetten, DVDs, Festplatten und vielen anderen Datenträgern gesammelt. Heute speichern moderne IT-Systeme die gleiche Menge an Daten binnen zehn Minuten wie frühere Methoden in den gesamten letzten 2.000 Jahren – Tendenz weiter steigend. Diese Datenmengen – die internen und die externen – können heute bereits zu überschaubaren Kosten ausgewertet werden. Während vor ca. zehn Jahren ein Speicher­system mit einem Volumen von einem Terabyte noch mehr als € 1,0 Mio. kostete, bekommt man heute in jedem Elektrofachmarkt das gleiche Volumen für € 50. Ein Tool zur Echtzeitauswertung dieser Daten („Data-Mining“) kostete 2010 noch mehr als € 0,5 Mio. Heute liegt diese Investition bei nicht einmal mehr € 20.000. Bei Nutzung eines Cloud-Anbieters entfallen diese Investitionen sogar gänzlich. Nur noch eine geringe monatliche Gebühr ist fällig. Durch die gezielte Auswertung der Daten in Echtzeit können sich auch mittelständische Unternehmen einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen. Die meisten Unternehmen sitzen hierbei auf echten Datenschätzen, die mit leichten Bordmitteln gehoben werden können.

Layer 2: Leadership & Strategie
Die Digitalisierung wird neue Anforderungen an die Kultur, den Führungsstil und die Arbeitsweise von Unternehmen stellen. Digitalisierung bedeutet die komplette Veränderung von Leadership in einem Unternehmen. Die Digitalisierung ist mehr als eine Krise oder ein gewöhnlicher Change-Prozess – sie ist ein Umbruch oder in einigen Branchen sogar eine Revolution. Ein Umbruch ist viel schwerer zu führen als eine Krise oder gar ein gesundes Unternehmen. Bei einem Umbruch ändert sich das bisher Gewohnte dauerhaft. Ein Umbruch setzt Fakten, die unumkehrbar sind. Ein Umbruch entsteht und dauert meistens länger als eine Krise. Die Maßnahmen zur nachhaltigen Veränderung des Unternehmens sind weniger planbar und die monetäre Wirkung tritt verzögert auf. Heute werden in Sanierungen häufig CROs (Chief Restructuring Officers) zur Unterstützung des Managements eingesetzt. Die meisten CROs sind aber reine Krisenmanager. Die Digitalisierung verlangt nach weiteren Qualifikationen: Künftig werden deshalb stärker CDOs (Chief Digital Officers) zum Einsatz kommen. Bei der Implementation eines CDOs ist zu beachten, dass das digitale Mindset der gesamten Organisation verändert wird. Hierzu müssen „Digital Leadership Teams“ in allen relevanten Fachabteilungen etabliert werden. 

Digitalisierung ist Chefsache
Digitalisierung ist Chefsache und kann nicht delegiert werden. Doch genau da fängt das Problem auf dem Weg zur Digitalisierung häufig an. Es fehlt an echter Veränderungsbereitschaft. Digitalisierung wird dann halbherzig als Pflichtübung aufgenommen. Manchmal werden Stabsstellen für Digitalisierung eingerichtet. Ein anderes Mal wird die Digitalisierung als Teil der internen IT definiert oder es werden andere Alibistrukturen geschaffen. Doch Digitalisierung geht nur ganz oder gar nicht – eben eins oder null. Die heute besten Führungskräfte können hierbei die größten Bremsklötze werden, da genau diese nicht bereit sind, die geschaffenen Königreiche zugunsten der Digitalisierung aufzugeben.

Wir befinden uns im Zeitalter der Information: In relevanten Fachabteilungen kommen „Digital Leadership Teams“ zum Einsatz

Die Aufbauorganisation der Zukunft wird keine klassische funktionale Struktur mehr haben. Auch Ansätze von Business Units werden künftig nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Die Digitalisierung erfordert cross-funktionale Ansätze mit agilen Management­ansätzen. Statt aufwendiger Projektstrukturen werden Veränderungen in sogenannten Hackathons und Sprints in wenigen Tagen etabliert. Auch werden immer häufiger die Ansätze der sogenannten Schwarm­intelligenz genutzt, um einerseits die Komplexität besser abdecken zu können und andererseits das Commitment der Mitarbeiter zu bekommen. Je effizienter aber die Organisation, desto geringer die Bereitschaft, cross-funktional zu agieren.

Moderne Führungselemente wie agiles Projektmanagement, Hackathons, Home­offices, Aufgabe von Arbeitszeiten und vieles mehr in einer neuen Kultur wird von den eingefahrenen, aber oft noch erfolgreichen Managern vermieden.

Layer 3: Daten und Technologie
Wir befinden uns im Zeitalter der Information und erleben die exponentielle Zunahme des Wissens der Menschheit: Alle acht Jahre verdoppelt sich das Wissen, d. h. in 16 Jahren werden wir über das vierfache Know-how von heute verfügen. Um dieses effizient zu nutzen, müssen Weiterbildungssysteme neu gedacht werden. Die Bereitschaft zum permanenten Lernen und Fortbilden muss in der Unternehmenskultur ebenso verankert werden, wie der offene und transparente Umgang miteinander. Es muss eine Fehlerkultur etabliert werden, die es den Individuen erlaubt, die eigenen Erfahrungen mit anderen Mitarbeitern zu teilen und Fehler als normal auf dem Weg zur besseren Lösung zu betrachten.

Digitalisierung verändert die Unternehmenskultur 
Die Digitalisierung wird nicht nur wirtschaftliche Rahmenbedingungen komplett verändern, sondern auch auch die Kultur in den Unternehmen. Während die Daten die Basis der Digitalisierung bilden, wird Leadership zum Treiber einer neuen Kultur mit neuen Typen von Mitarbeitern sein. Die Mitarbeiter schätzen interessante Herausforderungen und die Möglichkeit, tatsächlich etwas zu bewegen und zu verändern. Persönliche Freiheiten, flexible Arbeitszeiten und ein Umfeld, das ihrem Charakter entspricht und zur freien Entfaltung beiträgt, sind Basisanforderungen. Das klassische und starre 9-to-5-System wird durch Homeoffice, mobile Workplaces und interdiszi­plinäre Arbeitsgruppen abgelöst. Die Digitalisierung stellt also auch die Personalabteilung vor neue, komplexe Herausforderungen.

Welche Branche wird wann von der Digitalisierung betroffen sein? 
Die Digitalisierung macht vor keiner Branche halt. Lediglich der Zeitpunkt sowie die Stärke des digitalen Wandels sind unterschiedlich. Dies stellt eine Bedrohung für jedes Unternehmen dar. Es bedeutet aber gleichzeitig, dass jedes Unternehmen in jeder Branche von der Digitalisierung profitieren kann! In vielen Fällen kann das bestehende Geschäftsmodell durch neue, digitale Ansätze transformiert werden. Denn die bestehenden Stärken haben auch im digitalen Zeitalter bestand, wenn auch in anderer Form. Oftmals sind jedoch auch völlig neue digitale Geschäftsmodelle notwendig.

Neue Geschäftsmodelle durch Digitalisierung
Die Digitalisierung wird in einigen Branchen zu komplett neuen Geschäftsmodellen führen. Natürlich verbinden wir mit der Digitalisierung häufig den Verkauf von Produkten über neue Kanäle, wie z. B. das Internet, das Verkaufen von Waren über Instagram oder direkte Einkaufsmöglichkeiten in China über Alibaba.com. Auch werden Begriffe wie Omnichannel, Click & Collect, Same Day Delivery etc. auch häufig mit der Digitalisierung in Zusammenhang gebracht. All das ist aber nur ein kleiner Teil der Veränderungen, die wirklich auf Unternehmen zu kommen. Aber schon mit diesen – eher simplen – Ansätzen der Digitalisierung sind viele Unternehmen bereits überfordert.

Während viele Unternehmen heute Produkte herstellen oder einfach nur einkaufen, um diese dann über verschiedene Kanäle an ihre Kunden weiter zu verkaufen, werden künftig genau diese Produkte/Geschäftsmodelle weiter in den Hintergrund treten. Vielmehr werden die Daten, die die Produkte liefern, in den Vordergrund treten und zu sogenannten Data-Driven-Business-Modellen führen.

Während z. B. Adidas heute noch Sportschuhe verkauft, könnten morgen die Mess­daten der Sensoren aus diesen Sportschuhen vermarktet werden – also z. B. wer läuft wann wie oft zu welchen Zeiten mit welcher Intensivität. Solche Daten erlauben interessante Rückschlüsse auf das Nutzerverhalten und bieten somit wiederum neue Ansatz­punkte für den Verkauf weiterer Produkte oder Services. Nichts anderes machen heute nahezu alle sozialen Netzwerke wie Facebook, WhatsApp oder Google. 

Die Automotivebranche wird sich von Grund auf verändern. Eine Umwälzung, wie sie zuletzt das Smartphone in unser Alltagsleben brachte, erwarten Experten für die nächsten Jahre im Auto. Bald fährt es elektrisch und autonom, gehört uns nicht mehr, sondern wird nur nach Bedarf benutzt, oder wir stellen es zur Nutzung zur Verfügung, wenn wir es nicht brauchen. Das Geld wird die Branche dann nicht mehr mit dem Verkauf von Autos, sondern mit dem Nutzen der Daten verdienen, die die Autos erzeugen.

Wie können Kunden das Thema Digitalisierung strukturiert bearbeiten?
Um den Kunden einen schnellen Überblick über die Chancen und Risiken der Digitalisierung für das eigene Geschäftsmodell zu geben, haben wir bei nexpert ein Vorgehens­modell entwickelt und dieses „R4D“ (Ready for Digitalization) getauft. Der R4D ist eine einfache Analyse, um den aktuellen Status eines Unternehmens sowie mögliche Handlungsfelder zu erkennen. Im ersten Schritt schätzen wir das Branchenumfeld ein und identifizieren die individuelle Bedrohung durch disruptive Geschäftsmodelle. Hierbei nutzen wir die fünf sogenannten Disruptive Forces.

Im zweiten Schritt des R4D wird der aktuelle Digitalisierungsgrad des Unternehmens bestimmt. Hierzu haben wir fünf Erfolgsfaktoren der Digitalisierung definiert, die nun alle nach einem speziellen Reifegradmodell – dem Digital Excellence Modell – eingeschätzt werden. Die oben stehende Abbildung zeigt die Erfolgsfaktoren. Auf Basis der Einschätzung im R4D wird im Anschluss ein konkreter Maßnahmenplan definiert. Die Maßnahmen können dabei von der digitalen Weiterentwicklung des bestehenden Geschäftsmodells bis zur Entwicklung eines vollständig neuen Geschäftsmodells reichen.

IHR PERSÖNLICHER ANSPRECHPARTNER:

Florian Heinze
Senior Consultant nexpert AG

» heinze@nexpert.de

Bildnachweise:
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